Poesie des Augenblicks

Das Poetische in den Bildern von Edite Grinberga
Dr. Victor Svec, Eröffnungsrede anlässlich der Ausstellung von Edite Grinberga im Kunstkreis Hameln, 16.3.2013

Das Wort Poesie (von gr. ποίησις poiesis, „Erschaffung“) hat eigentlich einen Bezug auf einen Text, dessen Produktion traditionell nach den poetischen Gattungen geteilt wird. Nach Aristotelischer Poetik sind dies Drama, Epos und kleinere lyrische Gattungen. Seit dem 19. Jahrhundert wird diesbezüglich eher von Literatur und literarischen Gattungen gesprochen.

Der Begriff bezeichnet aber im übertragenen Sinne auch eine bestimmte Qualität oder auch Atmosphärik. Man spricht z.B. von der „Poesie eines Moments“ und meint damit vielleicht, dass von dem erlebten Ereignis bzw. der Wahrnehmung, eine sich der Sprache entziehende und über sie hinausgehende Wirkung ausgeht. Ähnlich eines Gedichtes, das sich durch seine Wortpoetik der Alltagssprache entzieht …

Der Dadaismus am Anfang des 20. Jh´s stellte als eine Art Antikunst den überkommenen Kunst- und Poesiebegriff in Frage, schuf damit aber letztlich nur eine neue Form der Poesie, die sich jeglicher formaler, bis dahin tradierter Norm entzog. Auch im Surrealismus wurde Alltägliches poetisiert: André Breton sprach von der „Poesie des Alltags“, Jacques Prévert zog das rätselhaft werdende Alltägliche in die Poesie. Man denke in diesem Zusammenhang an Bilder von Giorgio de Chirico, Paul Delvaux oder René Magritte.

Was ist das Rätselhafte, Poetische in den Bildern Grinbergas?

Die Frage ist so leicht nicht zu beantworten …

Ist es die Stille, die Entschleunigung der Zeit, der leise Windhauch, der den Vorhang leicht bewegen lässt? Oder ist es das oft stillebenhafte Arrangement der Bilder, bei dem die Dinge zum Stillstand gekommen sind? Die Geige, das Cello, dessen Klang verstummt ist? Das offen daliegende Buch, das eine Geschichte erzählt die uns unzugänglich bleibt?

Ja! Der erzählende Charakter, der könnte es vielleicht sein …

Obgleich Grinberga in der Motivik sehr reduziert bleibt, nur Weniges wird in den Fokus genommen, erzählen die Dinge und Räume unendlich viel – jedem, der sich auf sie einlässt …

Die aufgezeigten Räume sind meistens nur durch Ausschnitte definiert. Licht – und Schattenspiele an der Wand lassen Fenster oder offene Türen erahnen. Die Dimensionen bleiben allerdings durch die Projektion weitgehend verborgen.

Aber: wenn man nur lang genug vor dem Gemälde stünde, könnte man vielleicht das langsame Wandern des Schattens an der Wand beobachten … Welch eine surrealistische Erwartung/Hoffnung!

Die Kunsthistorikerin Sophie Gerlach sagte dazu: Die Transluzenz ihrer Bilder scheint sogar die Wände atmen zu lassen

Diese Licht und Schattenspiele haben für mich aber auch noch eine weitere Funktion: sie sind das verbindende Element zwischen der Innen- und Außenwelt. So bleiben die Dinge nicht monadisch verkapselt, sie erzählen eine Geschichte von Menschen, die sie benutzt, gespielt oder abgelegt haben... Das Bild mit dem Reisepass zeigt nicht mehr als diesen und dennoch ist er der Identitätsnachweis eines menschlichen Individuums, das zwar physisch nicht vorhanden, aber dennoch metaphorisch durch das Bild präsent ist …

Die Poesie des Augenblicks …

Der Augenblick des Festhaltens? Wessen und wovon?

Grinbergas Bilder sind weit davon entfernt als „Schnappschüsse“ zu gelten!

Die Räume und Flächen mit ihrem Lichteinfall und Schattenwurf erweisen sich als genau kalkuliertes Kompositionsmittel. Edite Grinberga gestaltet bewusst ihre Bild-Innenräume – Wände werden verschoben oder ergänzt, zusätzliche Bodenflächen eingefügt, der Einfall des natürlichen Sonnenlichts wird nach bildgestalterischen Gesichtspunkten verändert. Der Lauf der Zeit, der sich in der vermeintlich erfolgten Wanderung des Schattenspiels darstellt, wird mit einer raffinierten, bildmäßig erstellten Inszenierung zum Stillstand gebracht. Was wie das unerwartete Erwachen einer schönen Erinnerung empfunden wird, ist in Wirklichkeit eine bis ins Detail geplante Verführung, wie es Alan Richardson ausdrückte.

Von hier aus betrachtet vermitteln diese Bilder eine „zurückblickende“ Ansicht …

Weil nichts mehr so wieder herstellbar ist wie es im Gemälde festgehalten wurde.

Und gerade deshalb vermitteln die Bilder der Künstlerin eine meditative Gelassenheit, die den Betrachter verweilen lässt - verweilen lässt in Erinnerungen an die Unwiederbringlichkeit erlebter Situationen und Augenblicke, der Augenblicke der unverhofften Poesie. Und sie schenken ihm die Einsicht, dass diese vergängliche Poesie allein gemalt visuell festgehalten werden kann …

Kehren wir zum Ausgangspunkt zurück –

der Poesiebegriff im Sinne der „Erschaffung“.

In den Bildern von Edite Grinberga werden aus scheinbar alltäglichen Situationen zauberhafte Bilderwelten erschaffen, die nur so in und von der Kunst existieren können.

Und wir, meine Damen und Herren, dürfen an diesem Bildzauber (im besten Sinne des Wortes!) teilhaben …

Hoffentlich und zahlreich bis zum 28. April 2013 im Kunstkreis Hameln!

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